| Praktikant in Wetzlar
Von unbezahlter Mitarbeit an einer literarischen Zeitschrift (herausgegeben von Schlosser und Merck) konnte er nicht existieren. Im Mai 1772 ging Goethe zur Vervollständigung der juristischen Ausbildung als Praktikant an das Reichskammergericht in Wetzlar. Das altehrwürdige, aber völlig verwahrloste Institut (einzelne Verfahren waren bereits seit über drei Generationen anhängig) wurde damals einer von Kaiser Joseph II. angeregten „Visitation“ (kritische Beurteilung) unterworfen. Gebildete junge Juristen, mit denen er sich im Gasthof „Zum Kronprinzen“ traf, waren dort tätig, darunter ein Hofrat Johann Christian Kestner. Dieser beschrieb ihn mit folgenden Worten: „…kam hier ein gewisser Goethe aus Frankfurt an, seiner Hantierung nach Dr. juris, 23 Jahre alt, einziger Sohn eines sehr reichen Vaters, um sich hier – dies war seines Vaters Absicht – in praxi umzusehen, die seinige aber war, den Homer, Pindar und andere zu studieren und was sein Genie, seine Denkungsart und sein Herz ihm weiter für Beschäftigungen eingeben würden… Er hat sehr viele Talente, ist … ein Mensch von Charakter, besitzt eine außerordentlich lebhafte Einbildungskraft… Von Vorurteilen frei, handelt er, wie es ihm einfällt, ohne sich darum zu bekümmern, ob es andern gefällt… Aller Zwang ist ihm verhasst… Er ist bizarr und hat in seinem Betragen… verschiedenes, das ihn unangenehm machen könnte. Aber bei Kindern, bei Frauenzimmern und vielen anderen ist er doch wohl angeschrieben…“. Es war dies die letzte neutrale Charakterisierung, bevor Goethe zum Objekt der Verehrung wurde.
Erste Begegnung mit Charlotte Buff (1772)
Im Haus der mit Kestner Verlobten Charlotte Buff, genannt „Lotte“, erlebte Goethe, wie schon in Sesenheim, häusliches Familienleben. Nachdem er sich in Charlotte Buff verliebt hatte – die beiden waren sofort unzertrennlich – führte er ein ernstes Gespräch mit Kestner. Bereits am folgenden Morgen war Goethe nach Frankfurt geflüchtet. Dort ließ er sich nun dauerhaft nieder, war allerdings ständig unterwegs. Berühmt wurden sein Besuch in Koblenz bei Sophie von La Roche, der Gattin eines Ministers des Erzbischofs von Trier, und seine Bekanntschaft mit deren Tochter Maximiliane (der späteren Frau Brentano, Mutter von Clemens und Bettina Brentano), der er, wie Charlotte in Wetzlar, zärtlich zugeneigt war, die ihn aber ebenfalls nicht erhörte.
Merck drängte („Bei Zeit auf die Zäun, so trocknen die Windeln“), den Götz von Berlichingen in eine Bühnenfassung umzuarbeiten und zu veröffentlichen. Sie brachten ihn schließlich im Selbstverlag heraus. Er wurde ein Sensationserfolg (mit der Folge von Raubdrucken und einer Flut von Ritterromanen und -schauspielen) und machte Goethe mit einem Schlag berühmt. Allerdings zahlte er dann auch jahrelang Schulden ab.
Werther-Roman
In dem Briefwechsel mit Kestner erfuhr er von dem Suizid des Gesandtschaftssekretärs Karl Wilhelm Jerusalem. Dies war für Goethe der Auslöser, seinen Roman Die Leiden des jungen Werthers zu schreiben. Darin verband er die eigenen Erlebnisse mit seiner Angebeteten Charlotte Buff mit dem Schicksal Jerusalems. In wenigen Wochen schrieb er sich von der Seele, was ihn bedrückt hatte, befreite er sich „von seiner Trunkenheit, seinem Rausch”, wie sein Kammerdiener und langjähriger Sekretär Philipp Seidel (1775-1788) sich erinnerte. Auch dieser Roman wurde ein großer Erfolg. Die Folge war eine europaweite Werther-Hysterie, sogar Selbstmorde nach dem Vorbild Jerusalems wurden gemeldet. Der Götz und der Werther – so verschieden sie auch sind – markierten den Beginn einer neuen deutschen Literatur. Der ruppige Stil des Götz wurde Mode bei den Dichtern des Sturm und Drang. Goethe aber galt von nun an als Genie, seine beiden ersten bedeutenderen Werke hatten ihm zu Weltruhm verholfen.
Fragmente und Abgeschlossenes
Das Elternhaus wurde zu einer Herberge für alle möglichen Interessenten, Schmeichler, jedoch auch ernstzunehmende Freunde, darunter Klopstock. Eine Fülle weiterer Arbeiten entstand: Fastnachtspossen im Stil von Hans Sachs, die Farce „Götter, Helden und Wieland“, das „Jahrmarktsfest zu Plundersweilern“, er machte sich über das Treibhaus der Sentimentalität, die Darmstädter Naturschwärmer lustig. Daneben finden sich Pläne zu Dramen über bedeutende Gestalten der Geschichte: Mohammed („Mahomet“), Sokrates, Cäsar, Prometheus, Christus, den ewigen Juden Ahasver… All diese genialen Fetzen blieben Fragmente. Einen damals aufgegriffenen Stoff allerdings behandelte er später weiter: den „Faust“. Vollendet wurde das Drama „Clavigo“, in dem er mit Gefühl den Konflikt von Begabung und Charakter behandelte (die Anregung zu diesem Stoff stammte von Beaumarchais). Die Zeit schwankte unentschlossen zwischen Sentimentalität und Sturm und Drang, Klassizismus und beginnender Romantik. In ähnlicher Weise schwankt der Hauptdarsteller 1775 in Goethes Bühnenstück „Stella, ein Schauspiel für Liebende“ unentschieden zwischen zwei Frauen; die Handlung mündet in eine Doppelehe. |