| Anfang September 1786 stahl sich Goethe ohne Abschied und ohne Wissen von Frau von Stein nach Italien davon. In Weimar war (außer dem Herzog) nur seinem Diener und Sekretär Philipp Seidel das Reiseziel bekannt, auf schnellstem Weg über Regensburg, München, Mittenwald, Innsbruck und den Brenner, den Gardasee und Verona nach Venedig zu gelangen.
Eigentliches Ziel aber war Rom. Dort existierte eine Künstlerkolonie, in der er sich einrichtete. Der Kunstagent Johann Friedrich Reiffenstein bot sich als Cicerone an. Einer der Maler – Heinrich Tischbein – verhalf ihm bei einem Lohnkutscher zu einem einfachen Quartier, das den Beginn einer vom Weimarer Leben abgekoppelten Lebensweise markierte. Später bezeichnete man die folgenden zwei Jahre sehr einfach als die Italienische Reise, für Goethe hingegen war dieses neue Leben in Italien ein Aufblühen und Verwirklichen tiefster menschlicher und kultureller Sehnsüchte – ungebunden, frei und finanziell beweglich, da ihm sein Gehalt in dieser Zeit weiter zugestellt wurde. Hier fühlte er sich zu Hause, er lebte, liebte, zeichnete, modellierte und malte. Geschrieben hat er wenig in dieser Phase (die „Iphigenie“ wurde in Versform gebracht und fiel durch, als er sie seinen Freunden vorlas). Johann Heinrich Meyer, ein Schweizer Maler, der sich in Kunstgeschichte auskannte, wurde sein Vertrauter und Berater – bis an beider Lebensende.
Er ließ sich als Künstler von der Monumentalität der antiken Bauten inspirieren (Pantheon, Kolosseum, Kaiserthermen u. a.) und studierte antike Skulpturen (Apoll vom Belvedere, Herkules Farnese, Juno Ludovisi u. a.). Darüber hinaus beschäftigte er sich intensiv mit der italienischen Renaissance-Malerei und bewunderte neben Michelangelo vor allem Raffael als den Gipfel der abendländischen Kunst und wahren Erneuerer der Antike. Nach einem halben Jahr reiste er nach Neapel, wo er die Bekanntschaft von Sir William Hamilton (der altgriechische Vasen sammelte) und dessen Kreis machte, und fuhr weiter nach Sizilien. In Paestum sah er einen altgriechischen Tempel und war betroffen von dessen Wucht; in Palermo fasste er erstmals die Idee der „Urpflanze“ als das allen Pflanzenarten gemeinsame Bildungsgesetz. [6] Mitte 1787 kehrte er nach Rom zurück. Nun nahm er die Arbeit am „Torquato Tasso“ wieder auf und vollendete den „Egmont“. In dieser Zeit verkehrte er häufig im Haus der Malerin Angelika Kauffmann. Im selben Jahr (1787) entstand auch das berühmte Gemälde Tischbeins, das Goethe als Reisenden in der römischen Campagna zeigt.
Nach zwei Jahren bereitete er seine Rückkehr nach Weimar vor. Die Freundschaft Carl Augusts ebnete auch hier den Weg; in Weimar wollte er nur noch ein Gast sein; „…was ich sonst bin, werden Sie beurteilen und nutzen” schrieb er seinem Herzog. In seinen Briefen und Tagebucheintragungen, auch in seinem Reisebericht findet sich kaum ein Wort über die Liebe in Rom. Wir haben keine zuverlässige Nachricht von seiner wahren Geliebten, die er in Gedichten „Faustina“ nannte. Es ist heute nicht zu klären, ob es eine Mailänderin oder eine Kutschers- oder Gastwirtstochter aus Rom war. Sicher ist nur, dass er in Italien sinnlicher wurde – auch in den Gedichten, die er nach Hause sandte. Nachdem er noch einmal den römischen Karneval mitgefeiert und die Feierlichkeiten der Osterwoche in sich aufgenommen hatte, machte er sich Ende April 1788 auf den Heimweg. |